Tags: Achtsamkeit, Alltag, Bloggen, Blogger, Blogs, Buddha, Buddhismus, Gedanken, Leben, Lebensfreude, Meditation, Menschen, Spiritualität, Vergänglichkeit, Zen, Vertrauen, Marcel Geisser, Thich Nath Hanh, Dharma-Vortrag, Zen-Vortrag
Spiritualität heilig oder scheinheilig?
Heute war ich wieder einmal an einem Vortrag von Marcel Geisser vom Haus Tao. Marcel Geisser praktiziert seit 1968 in der Zen- und Vipassana-Tradition und lernte bei mehreren Meistern in Asien, Europa und den USA. Marcel Geiser ist Leiter des Meditationszentrums Haus Tao in Wolfhalden. www.haustao.ch
Das Thema war ” Spiritualität heilig oder scheinheilig?” oder Wie können wir eine Authentische Zen-Praxis im Sinne von Buddha Shakyamuni ausüben ohne dass sie scheinheilig wird.
Gerade zu beginn erzählte Marcel uns dass er zur Zeit an verschiedenen Vesak – Feiern, eingeladen war, einmal bei den Tibeter, da war alles bunt und voller Farben und das war auch eine fröhliche Stimmung und dann das pure Gegenteil, eine Gruppe von Zenmönchen, alle in ihren schwarzen Robben, sehr steif und alle sehr ernst und da sei ihm, eine Vorstellung aufgekommen, das sehe aus wie Krähen auf einem Leitungsdraht, weil da auch alle in einer Reihe sitzen und alle ihre dunklen Roben tragen. Er meinte, wir Zenmenschen seinen manchmal zu ernsthaft und es scheint, das Lachen sei da verboten. Marcel betont aber gleich, dass das nur die Form sei und zu dem sei viel ja auch noch Kultur. Wir orientieren uns immer an der Form, ob jetzt die eine Gruppe spirituell Praktizierender sind oder nicht. So verschieden Formen erscheinen, sind doch bei allen die Grundlage, ihrer Praxis, die Vier Edlen Wahrheiten von Buddha Shakyamuni:
Es gibt Leiden: Kummer, Sorgen und dass wir alle sterben werden,
es gibt eine Ursache: Gier, Hass, Wut, die Vorstellung von einem Ich,
Es ist in unserer Hand, wir können das ändern, das endgültige Auflösen und Beenden des Begehrens und der Ablehnung
Und der Weg, der aus dem Leiden führt, also die Umsetzung: den Edlen Achtfachen Pfad.
Es ist immer die Form und wir entscheiden, welche Form unser Leben annehmen soll, glücklich oder tendenziell leidvoll. Zur ersteren braucht es eine heilsame Gesinnung. Alles ist unbeständig, dem steten Wandel unterworfen, alles Materielle ist zusammengetragen und wird sich unweigerlich wieder auflösen und hat keinen Bestand. Also ist Nicht-Anhaften die grundlegende Einstellung.
Der Mensch hat die Tendenz, für alles was er glaubt, ein Symbol zu suchen, weil er es nicht in sich findet, sucht er es immer im Aussen. Ein bekanntes Symbol ist das Kreuz, das Rad, die Sonne und der sitzend Buddha, wir brauchen etwas, um zu verehren. Im Buddhismus wird oft der Lehrer, der Meister verehrt und auf ein Podest erhoben. Bei uns in früheren Zeiten, waren der Pfarrer, der Schullehrer und der Gemeindepräsident etwas besonderes, einfach auf Grund ihres Berufes wurden sie respektiert, unabhängig ob ihre menschlichen Qualitäten auch dem entsprachen. Nicht der Beruf oder das Gewand soll die Verehrung erhalten, sondern die Person und das was von Innen nach Aussen abstrahlt. Durch die Geburt wird niemand heilig, nur durch die eigene Gesinnung kann jemand „heilig“ – heil = ganz – werden.
Im Zen gibt es eine schöne Tradition: da verbeugt man sich, mit zusammen gelegten Handflächen vor seinem Gegenüber und bezeugt damit seinen Respekt vor seiner wahren Natur. Unsere wahre Natur ist die Buddha-Natur. Sie wird auch die Natur des Geistes genannt. Die Geste des Gassho bezeugt unser Vertrauen in diese Natur. Für gewöhnlich bezeichnen wir den Buddhismus nicht als eine Glaubensreligion sondern als eine Erfahrungslehre, eine Lehre der Praxis. Buddha selber sagte immer; überprüft alles was ich oder ein anderer Lehrer sagt und erst, wenn ihr es für gut befunden habt, dann wendet es an. Klammert euch nicht an Vorstelllungen und Konzepte. Oder mit den Worten von Lin-ji I-hsüan (jap. Rinzai Gigen) “Wenn du den Buddha unterwegs triffst, dann töte ihn” und er meinte damit, wir sollen die Konzepte, Dogmen, den falschen Glauben, an einen Buddha töten. Wir verlegen da den Glauben wieder nach Aussen auf ein Objekt und erhoffen uns von da Hilfe, wir entwickeln da schon wieder etwas Beständiges, was es so nicht geben kann.
Solange wir jedoch die Buddha-Natur nicht direkt erfahren, bleibt dies auch für uns eine Sache des Glaubens, oder vielmehr des Vertrauens. Dieser Geist, diese Buddha-Natur ist wie der offene Raum, unbegrenzt, ohne Vorurteile, kein Unterscheiden, alles hat Platz. Der Raum selber ist nicht leer, der Raum selber ist Bewusstsein. Die Wissenschaft kann heute nicht mehr unterscheiden, wo das Bewusstsein anfängt und wo es beginnt. Dieser Raum ist aber auch in uns selber, unsere Buddha-Natur, (Menschen ohne spirituellen Hintergrund nennen das auch Lebenskraft) Raum und Zeit sind fliessend, war immer und wird immer sein. Wir aber glauben immer noch an eine lineare Zeit und an einen festen Raum, was durch Einstein widerlegt wurde. Bitte nimmt den Raum nur als Metapher!
Die einen Menschen gehen in die Kirche oder in den Tempel und verbeugen sich dort vor dem Kreuz oder der Buddhastatue, aber so bald sie ausserhalb des Tempels/Kirche sind ist alles vergessen und er muss sich ja nicht mehr so verhalten, sein Glaube endet an der Pforte des Tempels/Kirche.
Die andere Praxis ist die: ich bin mir bewusst, der Tempel ist in mir und so verhalte ich mich auch gegenüber der Aussenwelt entsprechend. Der unkritische Glauben an ein Ich wird zum Vertrauen in die innewohnende Buddha-Natur.
Marcel erzählte uns eine Geschichte von Zen-Meister Baso:
Der grosse Meister Baso war ernsthaft erkrankt. Der Mönchsvorsteher des Tempels kam zu ihm, um ihm einen Besuch abzustatten. Er fragte: „Nun, wie fühlt Ihr Euch heute?” Da antwortete Baso: “Buddha mit dem Sonnengesicht, Buddha mit dem Mondgesicht.”„An manchen Tagen geht es ganz gut, an manchen fühle ich mich sehr schlecht und habe grosse Schmerzen“ und das alles hat das Gesicht Buddhas,
Wir müssen beide Gesichter anerkennen und akzeptieren, dass beide so in Ordnung sind. Ich muss nicht so tun wie wenn immer nur Sonnenschein wäre, die dunkleren Seiten des Lebens sind Gleichwertig und wollen auch ihre Aufmerksamkeit bekommen. Wenn wir unsere dunkle Seite in uns nicht anerkennen, entsteht früher oder später Leiden.
Marcel betont immer wieder, wir sollen nicht das Trennende suchen, sondern das, was uns verbindet. Es gibt immer etwas was uns verbindet. Das ständige Trennen und Vergleichen müssen ist eine Krankheit des Geistes. Was immer wir tun wir sollen uns fragen; “Bringt es mehr Leiden durch Trennung oder weniger Leiden, ist es heilsam oder unheilsam.” Wenn wir uns für etwas entscheiden, müssen wir uns fragen; hilft es mir wirklich oder schadet es mir und anderen.
Das seien alles geschickte Mittel und das heisse Upaya, also geeignete, hilfreiche Mittel zur Vertiefung und Entfaltung der spirituellen Praxis und die Fähigkeit, andere Wesen durch methodisches Geschick zur Befreiung zu führen.
Am Beispiel von Rechte Rede: (nicht Lügen, nicht über andere Leute schlecht reden, rohe Rede und leeres Geschwätz) erzählte uns Marcel, dass im asiatischen Raum im Zweifelsfall, lieber geschwiegen würde. Es gibt aber immer wieder Fälle, wie sexueller Missbrauch bei Kindern (um ein Beispiel zu geben), wo es zwingend ist, dass wir den Mund aufmachen, da muss man Reden. Reden oder Schweigen ist somit nicht an sich schon richtig oder falsch. So muss meine Entscheidung immer wieder diese sein: ist meine Handlung hilfreich oder schadet meine Handlung? Nur diese Entscheidung sei wirklich spirituell, alles andere sei Augenwischerei. Wir dürften nie vergessen, dass wir alle miteinander verbunden sind und um das zu Beweisen hob er seine Hand und zeigte uns, dass seine 5 Finger alle grundverschieden sind und doch ist jeder mit den anderen verbunden und genau so, sind wir mit unseren Mitmenschen und allen anderen Wesen verbunden. Aus diesem Wissen, dass wir mit allen Wesen, auf oft unsichtbare Weise miteinander verbunden sind entstehe Vertrauen. Aus dem Vertrauen entsteht Erfahrung und aus der Erfahrung entsteht Wissen, aber auch dieses Wissen wird sich immer wieder verändern und kann sich vertiefen.
Meine eigene Erkenntnis aus diesem Vortrag ist folgende; Von Augenblick zum anderen, muss ich immer wieder selber entscheiden, ob das jetzt richtig oder falsch sei, ob es hilfreich für mich ist oder ob es irgend jemanden schaden könnte, ich habe es selber in meiner Hand, mit meinem Denken gestalte ich auch meine Zukunft, ich denke da noch gar nicht an karmische Folgen. Alles hat eine Ursache und eine Wirkung, Hier und Jetzt und ich bin mir dessen bewusst.
Die Frage wird immer diese sein; ist es heilsam oder ist es unheilsam, für mich und andere.
13.05.2009 Text von zentao
Dieser Text wurde durch Marcel Geisser freundlicherweise durchgelesen und wo nötig ergänzt.
Gefällt mir:
Gefällt mir Lade...