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Vergänglichkeit und Gegenseitige Abhängigkeit… Freitagstext
oder: Die Welt sehen wie sie ist Text aus dem Buch; Dalai Lama ” Meine spirituelle Autobiographie”
Der Buddhismus bietet eine Methode an, die uns hilft uns zu verbessern. Dabei versuchen wir, die wahre Natur der Dinge zu erkennen, ohne uns vom äusserlichen Schein trügen zu lassen. Die Phänomene, die sich unseren Wahrnehmungsorganen darbieten, haben keine höchste Realität. Nehmen wir das Beispiel eines Berges. Der Berg scheint heute der gleich wie gestern zu sein. Entstanden vor Tausenden von Jahren, repräsentiert er eine Kontinuität in der Welt der Erscheinungen. Auch wenn man eine relative Stabilität in seiner Erscheinung feststellen kann, muss man doch zugeben, dass sich bei genauer Analyse jedes seiner Teilchen sich ständig verändert. Diese Veränderungen, die im unendlich kleinen stattfinden, werden von unserem Geist als Kontinuum wahrgenommen. Diese wahrgenommene Beständigkeit ist nichts als eine Illusion, denn nichts bleibt sich selbst gleich, es gibt keine zwei aufeinanderfolgendn Augenblicke, die sich vollständig gleich sind.
Nach dem Beispiel des Berges nehmen wir das der Blume, deren Vergänglichkeit und Unbeständigkeit offensichtlich sind. Die Blume, die heute in voller Blüte steht, war zuerst ein Same, dann eine Knospe. Diese Veränderungen veranschaulichen die subtile Unbeständigkeit eines jeden Augenblicks. Diese Unbeständigkeit ist die wahre Natur der Blume: Kaum das sie aufgeblüht ist, verwelkt sie. Ob es sich nun um einen Berg oder eine Blume handelt, wir müssen uns an die Vorstellung gewöhnen, dass ein Phänomen im Moment seines Erscheinens bereits die Ursache für sein Ende in sich trägt
Die Unbeständigkeit der Erscheinungen ist auf äussere Ursachen und Bedingungen zurückzuführen. Wenn wir behaupten, dass alle Dinge einander bedingen und voneinander abhängen, dann bedeutet das, dass sie keine Existenz an sich haben. Die Fähigkeit zur Verwandlung selbst, die allen Erscheinungen inne wohnt, verweist auf die Grundlegende Wechselseitigkeit alles Lebendigen.
Kann man sagen, dass es eine Wesenheit der <<Blume >>gibt, die an sich existiert? Die Antwort ist nein. Die Blume ist nur eine Ansammlung von Eigenschaften – Form, Farbe, Duft – , aber es existiert keine Blume die unabhängig von ihren Erscheinungen währe.
Unsere Wahrnehmung der Zeit beruht ebenfalls auf einer falschen Sicht der Wirklichkeit. Was ist eigentlich die Vergangenheit? Die Vergangenheit ist keine Wirklichkeit, sie ist lediglich ein Konzept. Und die Zukunft besteht aus Projektionen und Vorwegnahmen, die genau so unwirklich sind. Die Vergangenheit hat bereits stattgefunden, die Zukunft ist noch nicht eingetroffen. Diese Begriffe scheinen Wirklichkeit zu bezeichnen, verfügen aber tatsächlich über keinerlei Substanz. Die Gegenwart ist die Wahrheit, die wir hier und jetzt leben, aber es ist eine unfassbare Wirklichkeit, die nicht von Dauer ist. Wir befinden uns in einer paradoxen Situation, in der das Gegenwärtige eine Grenze darstellt, eine Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft, der aber keine konkrete Wirklichkeit entspricht. Die Gegenwart ist jener unfassbare Augenblick zwischen dem was nicht mehr ist und dem was noch nicht ist.
Diese Begriffe,die wir für die <<Wirklichkeit>> halten, sind nichts als intellektuelle Erfindungen, die keine unabhängige existierende Realität beinhalten. Nach der Lehre des Buddha existieren wahrgenommene Phänomene lediglich als Bezeichnung und Konzepte, die wir ihnen zuweisen. Die Art und Weise, wie Erscheinungen funktionieren, lässt auf keine ihnen eigene, greifbare Wesenheit schliessen. Man könnte die Erscheinungen mit einer Fata Morgana vergleichen: Je näher man ihnen kommt, desto weiter entfernen sie sich, um irgendwann ganz zu verschwinden. Genau so verschwinden die Phänomene vor dem Geist, der sie genau analysiert.
Es macht die Sache einfacher, wenn man zwei Wahrheiten unterscheidet: eine relative Wahrheit, die das Äusserliche der Phänomene betrifft, ihr Erscheinen und verschwinden, und eine letzte Wahrheit, die das Fehlen einer den Phänomenen innewohnende Wirklichkeit bezeichnet. Wenn wir sagen, dass den Phänomenen eine ihnen eigene Existenz fehlt, dann bedeutet dies nicht, dass sie nicht existieren; es bedeutet, dass sie nur in Abhängigkeit voneinander existieren, dass ihnen also eine konkrete Wirklichkeit fehlt. Und die Leerheit der Phänomene ist alles andere als eine geistige Konstruktion, sondern entspricht der eigentlichen Wirklichkeit der Phänomene.
Der Buddha leugnet nicht, dass die Dinge erscheinen, sondern geht davon aus, dass Erscheinungen und Leerheit dasselbe sind. So gesehen, existiert die Blume, und ihre Formen und Eigenschaften schreiben sich in unseren Geist ein.Aber ihre Natur ist frei von jeder Existenz an sich.
Text aus dem Buch; Dalai Lama ” Meine spirituelle Autobiographie”
Meine spirituelle Autobiographie von Dalai Lama, Sofia Stril-Rever, und Inge Stadler

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